Am Büdchen mit...

Am Büdchen mit...dem Kölner Rapper Mo-Torres

Für unsere Gesprächsreihe "Am Büdchen mit..." treffen wir uns regelmäßig mit interessanten Kölner Persönlichkeiten an ihrem Lieblingskiosk - auf ein Getränk und genau sieben Fragen. Unsere Interviewpartner sind Menschen, die das Stadtbild mitgestalten, Kreatives schaffen und eine Meinung haben - echte Charaktere eben. Dieses Mal haben wir ein Date mit Rapper Mo-Torres in Ehrenfeld. Das Stammbüdchen des 30-Jährigen, der mit bürgerlichem Namen Moritz Helf heißt, liegt auf der Helmholtzstraße Ecke Hospeltstraße und trägt den sympathischen Namen "Zum Nachbar's Eck". Bei Kaffee und Mezzo Mix sprechen wir eine gute Stunde über Ehrenfeld, das Musikbusiness, Mo's Karriere und seine Sicht auf Kölle.

Rapper Mo Torres im Gespräch mit Jill Grab

© Celina Albertz

Jill:
Was hat dich nach Köln verschlagen?
Mo-Torres :

Meine Geburt, meine Eltern. [lacht] Ich bin hier in der Ecke aufgewachsen, im Nonniweg. Mein Vater hat dann später in der Landmannstraße gewohnt und dann sind wir nach Bickendorf gezogen. Also immer so zwischen Bickendorf und Ehrenfeld. Und ich hatte mal so ein achtmonatiges Dilemma in Dellbrück. Das war eine Katastrophe. Dann schnell wieder zurück nach Ehrenfeld. Also eigentlich nur Ehrenfeld und Bickendorf und halt acht Monate Dellbrück, die meine Vita ein bisschen schmälern.

Jill:
Was treibst du hier?
Mo-Torres :

Ich mache Musik. Im Rahmen meiner Möglichkeiten. Ansonsten lebe ich hier. Das krasse ist ja, gerade in Ehrenfeld, dass du aus dem Veedel eigentlich nicht raus musst, um zu leben. Du hast hier alles, was du brauchst. Also "Ghettoisierung" ist vielleicht ein zu krasser Begriff und eher negativ belegt, aber du musst hier halt nicht raus. Ich gehe fünf Minuten bis zur Venloer Straße und dann muss ich mich entscheiden, ob ich lieber lieber italienisch, libanesisch oder türkisch esse.  Nur deutsche Imbisse gibt’s hier nicht mehr viele [lacht]. Aber du hast alles: Supermärkte, Drogerien - alles was du brauchst. An sich lebe ich hier in Köln und versuche mit meinem Beruf irgendwie was Cooles zu schaffen.

Rapper Mo-Torres im Gespräch mit Jill Grab in Köln Ehrenfeld

© Celina Albertz

Jill:
Wie kam es dazu?
Mo-Torres:

Ich hab vor elf Jahren damit angefangen, Musik zu machen. Damals hat der Halbbruder von meinem Halbbruder Musik gemacht und hatte auch so ein kleines Studio bei sich zu Hause. Den ersten Song habe ich damals für meine Ex-Freundin geschrieben.  So wie man halt so mit 18/19 Jahren drauf ist. Hölle. [lacht] Ich kann auch auch nur noch eine Halbzeile: „Wir sind so süß, dass uns sogar die Bienen lieben.“ Also das ist tatsächlich sehr repräsentativ für den Song. Keine Ahnung, was mich danach dazu bewegt hat, weiter zu machen, wirklich nicht. Ich schätze, es war dann einfach mein Ding, um mich selbst zu therapieren - nicht nur im negativen Sinne, sondern generell als Ventil. Musik ist super, um Sachen zu verarbeiten. So hab ich weiter gemacht und weiter gemacht und dann kam 2017 der Punkt, an dem ich mit meinem Studium fertig war und nebenbei noch halbtags als Projektmanager gearbeitet hab und mir dachte: Hey, es läuft ganz okay, aber lass uns mal rein in den Struggle und gucken was geht!  Bis jetzt bin ich dabei geblieben. Ist natürlich eine brutale Umstellung, wenn auf einmal dein Hobby und "Nebenerwerb" dein täglich Brot wird. Auf einmal hängt deine Existenz davon ab. Da ändert sich natürlich nicht die Intention des Musikmachens, aber du weißt schon: Scheiße, das muss jetzt meinen Kühlschrank vollmachen.

Das erzeugt in mir natürlich auch einen ganz ganz brutalen Druck, bis dato schaffe ich es irgendwie immer noch, dass meine Kreativität darunter nicht komplett leidet, aber es gibt schon so Momente, wo der Druck das alles auffrisst. Aber ich will gar nicht rumheulen. Es ist ein absolutes Privileg, das zu machen, was ich mache! Ich liebe die Mucke, ich liebe vieles, was mit dem kreativen Prozess zu tun hat, aber ich hasse das Business. Ich hab selten in so kurzer Zeit, so viele Arschlöcher kennengelernt oder Leute, die mir Steine in den Weg legen wollten. Man muss versuchen, sich da so einen eigenen Kosmos zu schaffen.

Mo-Torres und Jill Gräb von Cologne Bestplace

© Celina Albertz

Ich liebe die Mucke, ich liebe vieles, was mit dem kreativen Prozess zu tun hat, aber ich hasse das Business. Ich hab selten in so kurzer Zeit, so viele Arschlöcher kennengelernt.

Mo-Torres

Jill:
Warum ist das dein Lieblings Kiosk?
Mo-Torres:

Weil hier Mehmet Abi und Özi sind. Die leiten das Ganze hier. Die beiden sind so ein bisschen die Seele dieser Ecke, mehr als nur hilfsbereit. Es kommt immer die Frage: "Na, was hast du heute gemacht?" Wenn du dann sagst: "Ah, ich hab heute n Teppich abgeholt." Dann sagen die: "Warum hast du denn nicht bescheid gesagt? Wir hätten dir doch helfen können". Die haben einfach immer ein offenes Ohr, wie der Friseur von nebenan. Mehmet ist der Seelenklempner aus Ehrenfeld. Er ist einfach immer gut drauf. Perfekt. So kann man in den Tag starten! Wenn du dir dein morgendliches Paket zusammenstellst, dann triffst du hier immer auf geile Leute und das ist einfach schön. Hier wird auch dauernd gehupt, weil jeder ihn kennt und grüßt. Die AWB Jungs sind natürlich mittags auch immer hier. Hier kommen einfach alle Leute zusammen. Das ist der Wahnsinn.

Kioskinhaber Mehmet kümmert sich rührend um seine Kunden © Celina Albertz

Jill:
Was schätzt du an Köln?
Mo-Torres:

Köln lebt für mich ganz ganz klar von den Menschen und von der Vielschichtigkeit, die du hier hast. Mir gefällt, dass es hier einfach Platz für jeden gibt, egal wie du drauf bist. Ob es der CSD ist, wo dann 1,5 Millionen Menschen hier sind, das ist echt der Wahnsinn. Also ich sag mal so, es gibt für jede Subkultur Platz hier und es funktioniert, es harmoniert. Wenn man so in anderen Städten guckt, dann sind die einzelnen Subkulturen oft isoliert und hier geht das alles zusammen und funktioniert in den meisten Fällen. Ich glaube, das macht für mich Köln aus. Egal wo ich hingehe, es gibt immer interessante Leute, die man irgendwie kennenlernen kann und ich finde es eben mega spannend, wo die Leute herkommen und was die machen. Du kannst hier jeden Tag menschlich und kulturell für dich etwas lernen. Die schönste Stadt ist Köln natürlich nicht, aber das darfste natürlich niemandem sagen.

Es gibt schöne Orte. Man muss sie nur finden, oder sie sich schönreden. Das können wir natürlich auch sehr gut. Und die Kölner sind so offen. Damit fällst du in anderen Städten auf die Schnauze, wenn du zum Beispiel nach München oder Hamburg gehst. Die gucken dich erstmal an und haben so eine Schutzmauer um sich herum. Gut, das ist jetzt auch sehr verallgemeinert, aber das, was ich da so kennengelernt hab. Ich sag immer, wenn du in Köln zwei Stunden in ner Kneipe sitzt und du findest keine neuen Freunde, dann stimmt irgendwas mit dir nicht. So vom Prinzip her.

Wenn du in Köln zwei Stunden in einer Kneipe sitzt und keine neuen Freunde findest, dann stimmt irgendwas mit dir nicht.

Mo-Torres

Jill:
Was magst du nicht so an Köln?
Mo-Torres:

Ich bin so ein "good vibes only" Typ. Also ich mache mir sehr sehr wenig Gedanken darüber, was ich nicht mag. Ich konzentrier mich eher auf das, was ich mag. Deshalb muss ich überlegen. Die Hektik ist mir manchmal zu viel hier irgendwie. Letztens war ich in Holland, zum Beispiel. Boa, da hat eine Minute gefühlt 120 Sekunden - so entspannt. Aber Deutschland ist ein hektisches Land und Köln gehört irgendwie auch dazu. Aus Hektik entsteht bei mir immer komplette Unruhe und die Leute werden halt... [Schulterzucken] Es ist einfach nicht mehr so positiv. Ein bisschen mehr Gelassenheit hier und da würde bestimmt nicht schaden, aber das sag ich jetzt auch, weil ich seit vier Monaten einen Führerschein hab und die Hektik jetzt erst miterlebe. Ansonsten: Klar, Gentrifizierung in Ehrenfeld, das ist heftig. Ich rede ich jetzt über Ehrenfeld, weil ich in den anderen Vierteln nicht so viel mitbekomme. Hier gehen die Veränderungen an die Substanz des Viertels. Das ist für mich wirklich hart bedenklich, wenn man an den Basisstellschrauben dreht und so die ganze Veedelskultur verändert. Ist jetzt nicht so, dass ich Angst habe, dass da wieder Wohneinheiten gebaut werden und tausende Leute kommen. So fängt Rassismus an. Das nicht. Aber es wird einfach übertrieben. Ich frage mich, wo die Leute hinsollen. Für mich passt es einfach nicht zusammen, wenn kulturelle Flächen für Riesenwohnanlagen dem Erdboden gleichgemacht werden.

Jill:
Was sind deine Geheimtipps in Köln?
Mo-Torres:

Die Puszta Hütte am Neumarkt auf jeden Fall. Den Laden gibts seit 70 Jahren in Köln, aber viele Menschen kennen den gar nicht. Das "Nachbar's Eck von Mehmet und Özi natürlich. Absoluter Geheimtipp [lacht]. Was gibt's noch? Oh ja! Ski Ball in der Red Fox Bar auf der Klarastraße. Ski Ball ist so ein bisschen wie Bowling und der Laden ist ganz nett. Halt so eine Kneipe mit alten Arcade Automaten. Der Inhaber ist auch sehr nett.

Kioskinhaber Mehmet, Jill und Mo-Torres vor dem

Kioskinhaber Mehmet, Jill und Mo-Torres vor dem "Nachbar's Eck" in Ehrenfeld (v.l.n.r.) © Celina Albertz

Celina

Celina ist im Agnesviertel zu Hause. Ihr Herz schlägt für guten Kaffee, Plattenläden und Trödelmärkte. Am Wochenende findet man die gebürtige Hamburgerin meist auf Konzerten oder in einer der zahlreichen Kneipen ihrer Wahlheimat.