Am Büdchen mit...

Am Büdchen mit...dem Kölner Fotografen Trägi

Für unsere neue Gesprächsreihe "Am Büdchen mit..." treffen wir uns von nun an regelmäßig mit interessanten Kölner Persönlichkeiten an ihrem Lieblingskiosk - auf ein Getränk und genau sieben Fragen. Unsere Interviewpartner sind Menschen, die das Stadtbild mitgestalten, Kreatives schaffen und eine Meinung haben - echte Charaktere eben. Zum Auftakt steht uns der Fotograf Sebastian Trägner Rede und Antwort. "Trägi", wie ihn die Kölner liebevoll nennen, ist eine echte Institution - nicht nur auf Instagram, sondern auch in seinem Veedel. Wir treffen den 35-jährigen an einem sonnigen Juniabend vor seinem Stammkiosk am Brüsseler Platz im Herzen des Belgischen Viertels. Hier, wo im Sommer das urbane Leben tobt und jeder irgendwie jeden kennt, fühlt Trägi sich zu Hause - jedenfalls bevor abends der große Suff losgeht. Für uns gibt's erstmal eine Limo.

zwei Menschen am Kiosk im Gespräch

© Celina Albertz

Jill:
Was hat dich nach Köln verschlagen?
Trägi:

Ich bin in Langenfeld geboren, einem Rentnerparadies. Allerdings bin ich relativ viel gereist. So viel gereist, dass ich dann irgendwann eigentlich den Wunsch hatte, im Ausland zu leben. Ich war in allen möglichen Ländern und Städten und als ich zurück gekommen bin, habe ich mich entschieden, in die Region zurück zu gehen, und dann war die Frage: Köln oder Düsseldorf? Da fiel die Wahl ganz klar auf Köln, weil hier meinerseits eine größere Emotionalität herrscht. Ich finde es hier sehr ungezwungen und nett, und die Kölner haben mich immer mit offenerem Herzen begrüßt als die Düsseldorfer, warum auch immer.

Jill:
Und was treibst du hier?
Trägi:

Ich bin Fotograf bzw. eher Fotojournalist. Ich dokumentiere die Straßen von Köln, fotografiere und verbringe Zeit mit Menschen, die in Köln quasi keinen Sprachraum mehr besitzen, und das über verschiedene Grenzen hinaus – sei es Obdachlosigkeit oder Konsum. Ich begleite auch Menschen im Rotlichtmilieu, mit dem Ziel, ihr Leben so empathisch zu dokumentieren, dass Leute, die damit nichts zu tun haben, eine informierende Brücke gebaut bekommen. Ich versuche Empathie für diese Menschen zu kreieren, oder mit meinen Bildern und Texten aufzuklären - in den Sozialen Medien, aber am liebsten im Gespräch. Das tue ich jetzt intensiv seit ca. zwei Jahren, seit 2018 auch professionell. Vorher war ich jahrelang im Einzelhandel tätig, über diverse Stationen. Vom klassischen Herren- und Knabenausstatter bis hin zu junger Mode, Subkultur... ich hab alles mal mitgenommen.

Ich dokumentiere die Straßen von Köln, fotografiere und verbringe Zeit mit Menschen, die in Köln quasi keinen Sprachraum mehr besitzen.

Trägi

Jill:
Wie kam es dazu?
Trägi:

Fotografie begleitet mich schon relativ lange. Der Einzelhandel hat ja auch viel mit Fotografie zu tun. Man hat immer wieder neue Kollektionen, neue Einflüsse und Informationen. Hier in Köln ist das Netzwerk dann im Endeffekt so ausgebreitet worden, dass ich oft auch vor der Kamera stand. Das heißt Fotografie hat mich immer irgendwie begleitet und ich fand es natürlich interessant vor der Kamera zu stehen und auch zu sehen, wie andere Fotografen arbeiten – wo hab ich mich wohl gefühlt, wo hab ich mich unwohl gefühlt. Dann ist da das Thema Soziale Medien. Die Selbstpräsentation habe ich auch knallhart durchgezogen, bis zu dem Punkt, dass ich tatsächlich auch durch diese Selbstdarstellung und diesen Druck, ständig perfekt zu sein, krank geworden bin. Ich hatte einen Burnout, was aber völlig in Ordnung ist, weil ich wie gesagt zum Glück über dieses Netzwerk verfügt habe, dass verstanden hat, wie es mir geht. Ich hatte dementsprechend die Möglichkeit, reflektiert da ran zu gehen und das für mich persönlich aufzuarbeiten. Was jeder, der eine Depression hat, natürlich auf seine eigene Art herausfindet. Das heißt der Weg, den ich gegangen bin, war kein Weg, der für jeden funktioniert, sondern es hat bei mir funktioniert. Die Kamera war ein stetiger Begleiter für mich, weil ich irgendwann durch Zufall die Möglichkeit hatte, eine eigene immer bei mir zu tragen und gemerkt hab, dass ich in Situationen, in denen es mir unwohl ging – also meine Depression hat sich tatsächlich so auch bemerkbar gemacht, dass ich plötzlich Ängste entwickelt hab, in Situationen, in denen ich sonst nie Angst hatte – das war vor allem im Kontrollverlust, Kontrollverlust, der von außen auf mich einwirkte. Beim Fliegen beispielsweise, in der Bahn, wenn viele Menschen um mich herum waren.... und da hab ich dann Panik gehabt. Wenn ich aber durch den Sucher der Kamera geguckt hab, konnte ich mich dann so fokussieren, dass ich gemerkt hab, okay, hier hab ich keine Angst, also hab ich angefangen die Kamera jeden Tag mit mir rumzutragen, und daraus ist dann eben eine Leidenschaft entstanden, und aus dieser Leidenschaft ist dann eine Profession geworden. Mir war noch gar nicht bewusst, dass es halt in diesem sozialen, humanitären Thema landet, das kam dann einfach so, weil ich dort einen Zugang zu den Menschen finde, die mir vertrauen und das mag ich sehr gerne, und so ist die Fotografie in mein Leben getreten.

Jill:
Warum ist das dein Lieblingskiosk?
Trägi:

Als ich damals nach Köln gekommen bin, habe ich auf der Maastrichter Straße das Angebot bekommen, einen Shop als Filialleiter zu führen. Da war ich 23 Jahre alt, bin jetzt 35, hatte davon überhaupt gar keine Ahnung und hab dort den Titus Skate Shop geführt. Da war dieser Kiosk einfach schon Bestandteil meines Lebens und seitdem bin ich auch einfach hier. Der Brüsseler Platz hat sich seit den letzten 12 Jahren natürlich hart verändert, dennoch ist es so, dass wenn man schon 12 Jahre hier ist, irgendwie akzeptiert, dass das hier so ein bisschen lauter und länger und jünger geworden ist. Ich hab hier viele Generationen von Kids gesehen, an diesem Kiosk, mit denen ich dann Zeit verbracht habe, deswegen ist das auch mein Lieblingskiosk.

Ein Kiosk Eingang und ein Schild

© Celina Albertz

Jill:
Was schätzt du an Köln?
Trägi:

Auf der einen Seite gibt mir Köln relativ viel, weil ich mich hier sehr wohl fühle mit dieser ungezwungenen Art. Manchmal macht es mir etwas zu schaffen, weil ich natürlich Nachhaltigkeit bevorzuge und keine Oberflächlichkeit. Es dauert in Köln manchmal relativ lange, Leute richtig kennenzulernen, wenn man das überhaupt noch möchte - Leute kennenlernen, die einem mehr geben als ein freundliches "Hallo". Dennoch ist es so, dass ich hier, zumindest in meinem Veedel, mit vielen Leuten schon über so viele Jahre wirklich so nachhaltig zusammen arbeite, dass man sich wirklich gegenseitig sehr ernst nimmt, akzeptiert, auch wenn man auch mal was nicht richtig macht, aber reflektiert daran arbeitet, um gemeinsam daran zu wachsen. Und das kann ich sicherlich auch in anderen Städten erleben, aber hier ist halt Köln und hier möchte ich auch so nicht mehr weg. Ich war in vielen anderen deutschen Städten und ich hab mich auch in Hamburg wohl gefühlt und ich finde auch die Landschaft um München herum toll, aber Köln ist halt meine Heimat. Auch wenn es viele Dinge gibt, die man an Köln noch ändern könnte.

 

Jill:
Was magst du nicht so an Köln?
Trägi:

Es ist schwer zu sagen, was ich nicht mag. Es gibt die Architektur... da kann Köln grundsätzlich erstmal nichts dafür, dass hier damals alles weggebombt und neu hochgezogen wurde, aber ich würd sagen, dass der Bauplan der Stadt Köln äußerst zu wünschen übrig lässt, weil es nicht sein kann, dass ein Gullideckel hochfliegt und in der ganzen Stadt Stau ist. Ich finde auch den Ansatz der Aufklärung hier in Köln sehr schwierig. Es gibt natürlich Orte, an die sich der Kölner Bürger wenden kann, aber manchmal ist es immer noch zu versteckt. Ich beziehe mich da zum Beispiel auf die Obdachlosigkeit, bezieh mich da auch explizit auf Frauenhilfe. Das ist ein Thema, dass mich sehr interessiert und wo ich sehr hinterher bin und ich finde, dass hier in Köln negative Dinge zu sehr kaschiert werden. Hier in Köln findet eigentlich genügend Power statt, dass man dort anpacken kann und helfen kann, aber der berühmte Kölsche Klüngel, der dem einen oder anderen schonmal helfen kann, sorgt auch dafür, dass alles, was nicht in diesem Klüngel stattfindet, ganz schlechte Karten hat. Ich finde, das ist wirklich ein großes Problem.

Jill:
Was sind deine Geheimtipps in Köln?
Trägi:

Ich bin jetzt mal relativ oberflächlich... ich mag das Off Broadway an der Zülpicher sehr gerne, weil es da immer eine gute Auswahl an Filmen gibt. Es ist kein Geheimtipp, aber es ist etwas, das ich mag. Ansonsten... ich glaube, als Kölner bewegt man sich nur noch zwei Straßenzüge weiter... vielleicht ist es ein Geheimtipp, mal nach Nippes zu fahren, für denjenigen, der im Belgischen wohnt. Es soll wohl ganz schön dort sein.... Ich gehe tatsächlich super gerne spazieren. Ich nehme einfach meine Kamera in die Hand und laufe einfach stundenlang durch die Gegend und begebe mich da immer auch gerne an so „Unorte“ in Köln, wie zum Beispiel am Hauptbahnhof, in der Nähe der Auffangstation Gulliver... einfach mal drunter hergehen um solche Atmosphären, die da auf Menschen prasseln, für sich selber aufzusaugen. Das ist kein Geheimtipp, aber es ist eventuell mal ein Tipp, um zu verstehen, warum manche Leute sich dorthin bewegen - um dort zu sein und sich dort zu verstecken. Ich kann jedem empfehlen, mit dem Boxen anzufangen. Es ist ein wundervoller Sport, der einen dazu treibt zu verstehen, wie viel man selber aushalten kann. Ich bin bei der Sportakademie Prang in Weyertal, kann ich nur empfehlen. Wir sind eine wunderbare, empathische Mannschaft, die sich immer freut so heterogen wie möglich alle aufzunehmen.

Zwei Menschen am Kiosk

© Celina Albertz

Jill

Ich tue nichts lieber als Köln zu entdecken; die kulturellen Veranstaltungen, die innovativen Ideen und das interessante Stadtbild zu studieren und nachts in der Stadt zu chillen, oder zu lauter Musik zu tanzen. Das ist Köln für mich – ein Ort, den es sich lohnt zu entdecken!