Corona im Veedel

Corona im VeedelMein COVID-19 Alltag in Köln

Hallo? Ich bin verwirrt. Vor gut zwei Wochen noch bin ich mit zwei Freunden durch die Südstadt flaniert, von Passanten teilweise kritisch beäugt. Scheinbar hat uns die siebenköpfige Familie aufgrund unserer ausgelassenen Stimmung angemerkt, dass wir nicht im selben Haushalt leben, kurz bevor sie in die überfüllte 132 Richtung Innenstadt gestiegen ist.
Es ist der 16. Mai, erster Bundesligaspieltag seit über zwei Monaten. Es liegt eine Spur Normalität in der Luft, bis ich die Schlange vor dem Supermarkt sehe: Stramme Zweierreihen, nach hinten etwas ungeordnet. Man könnte vermuten, die Kitas hätten kurzfristig wieder ihre Pforten geöffnet. In dem Moment wird uns klar, dass wir uns aufteilen müssen. Zwei in den Supermarkt, einer zum Dönerladen. Clever, jetzt kann uns keiner mehr was! Irgendwie bescheuert, da man sich gerade kaum vor dem Gedränge auf dem Bürgersteig retten kann. Aber Regeln sind Regeln und ich zu arm für eine fette Geldstrafe.

Köln, Corona, Kalk

Auf ins GYM! © pixabay

Kalk zeigt Muskeln

In Kalk würde ich mir in diesem Moment wahrscheinlich vergleichsweise geringe Sorgen machen. Da ist man coronatechnisch scheinbar schon länger etwas lockerer eingestellt. Vor allem in einem Fitnessstudio, das am 11.05. um 00:01 Uhr wieder öffnen durfte. Unter den ersten 100 Besuchern wurde eine Reise nach Los Angeles verlost. Eine nächtliche Menschenansammlung war die Folge. Es waren Bilder, die man so sonst nur von der FIBO-Eröffnung kennt, wenn endlich nicht mehr nur das kundige Fachpublikum, sondern auch die eher einfach gestrickten Partypumper aus Mülheim und die etwas übereifrige Sportstudenten-WG von nebenan rein dürfen. Kein Wunder: Eine Reise in die USA scheint in diesen Zeiten schließlich sehr erstrebenswert zu sein. Auch ein sparsam-smarter Move seitens der Muckibude, denn es gehen ja eh keine Flüge.

Corona, Köln, Abstand

Abstand halten? © pixabay

Köln und seine Hot Spots

Um größere Menschenansammlungen zu verhindern, wurden mit dem Rheinboulevard in Deutz und dem Brüsseler Platz im Belgischen Viertel zwei Hot Spots für die nächtlichen Stoßzeiten gesperrt. Diese waren vorher so stark frequentiert wie die Hohe Straße am 27. Dezember, wenn die alljährlichen Geschenkeflops der Großtante umgetauscht werden müssen. Das sorgt jetzt natürlich für Empörung. Die Kölner lassen sich so langsam nicht mehr gerne vorschreiben, wo sie sich abends in der Öffentlichkeit umlöten dürfen. Alternativen sind allerdings schon gefunden: „Brüsseler gesperrt?  Dann halt Coronaparty vorm Pimock!“ Das Schöne ist ja: Wenn alle sich dort anstecken, kann man sich mit dieser 100-Mann-Crew in der anschließenden Quarantäne weiter gemeinsam einen reinstellen.
Weniger Empörung scheint es darüber zu geben, dass das Gelände rund um die Universität zu Köln so wirkt, als wäre Bildung aktuell nicht nur verpönt, sondern strengstens untersagt, denn Schließung von Bildungseinrichtungen ist nun mal einfach nur verantwortungsvoll.

Köln, Tinder, Veedel

Endlich wieder Tinder! © Unsplash

Auf ins Tindergruppendate

Am Anfang der Coronakrise habe ich der traurigen Umstände zum Trotz einen großen Zusammenhalt verspürt. Man war sich einig, was getan werden musste: Soziale Kontakte eindämmen und damit die Ausbreitung des Virus verlangsamen. Die Uneinsichtigen und Unvernünftigen, die sich standhaft am Aachener Weiher zur „Grundrechte-Grillparty“ verabredeten, waren das Allerletzte.
Wer sich in dieser Zeit noch für ein Tinderdate geschämt hat, kann nun aber wieder ohne schlechtes Gewissen seinen fragwürdigen Perspektiven nachgehen. Wir dürfen uns wieder zu zehnt treffen, haushaltunabhängig. Ich darf also theoretisch neun Tinderdates gleichzeitig haben.

Köln, Corona, Südstadt

Südstadtfreiheit! © pixabay

Klatscht da einer?

Zurück in die Südstadt: Am 16.5. sitzen wir schließlich um 21:00 Uhr gemeinsam auf dem Balkon. Ich höre kein Klatschen mehr, kein „En unserem Veedel“, wie es wochenlang in zahlreichen Straßen rund um den Dom zu hören ist. Wir klatschen auch nicht. Vielleicht merken die Menschen aber langsam auch, dass man mit lautem Jubel das spärliche Gehalt der Krankenschwestern nicht aufstocken kann.
Es ist schließlich nicht alles schlecht an dieser Zeit: Die „Kölner Lichter“ sind abgesagt, da atmet nicht nur die Umwelt auf.
Aber egal, was die Zukunft bringt: In naher Zukunft sollte ich auf jeden Fall erst mal einen Friseursalon aufsuchen, um gut auszusehen, während ich mit friedlicher Miene am schon viel saubereren Rhein stehe und darauf spekuliere, dass bitte, bitte auch „Jeck im Sunnesching“ ins Wasser fällt.

Dieser Artikel ist auf redaktioneller Ebene entstanden!

René

René Kaspar ist Stand-Up-Comedian und nebenberuflich Lehramtsstudent an der Universität zu Köln. Er hat sein Studium in den letzten Jahren eigenmächtig zu einem Fernstudium erklärt und somit tatkräftig dazu beigetragen, dass die Uni Köln 2019 ihren Exzellenzstatus verloren hat. Auf der Bühne verarbeitet er seinen studentischen Alltag, in dem man sich morgens problemlos noch mal für drei oder vier Tage umdrehen kann. Seine Freizeitbeschäftigungen sind vielseitig, wichtig ist ihm dabei lediglich eine stark ausgeprägte Life-Life-Balance.