Das weiße Gold und seine Ernte

Das weiße Gold und seine ErnteEin Resümee der Spargelsaison mit Hipsterspargel

Die Spargelsaison neigt sich langsam dem Ende zu – nach dem 24. Juni, im Fachjargon auch Spargelsilvester genannt, sollte kein Spargel mehr geerntet werden. Die Pflanze muss sich bis nächstes Jahr erholen, um wieder genügend Reservestoffe sammeln zu können. Für uns wird es Zeit, die Spargelernte Revue passieren zu lassen, denn diesmal hat Covid-19 einiges durcheinandergebracht. Wir haben uns mit Maxine von hipsterspargel unterhalten, um zu erfahren, was sie als absolute Quereinsteigerin so bei der Ernte erlebt hat und mal einen alternativen Einblick zu bekommen.

Spargel, Köln

© Hipsterspargel

Mit Leidenschaft zur Feldarbeit

An ihrem Verkaufsstand vor dem Wallczka laufen sanfte Khruangbin-Töne, die einige Passanten anlocken. Maxine strahlt eine ansteckende Leidenschaft aus, wenn sie über die Feldarbeit spricht. Sie romantisiert nichts und doch wirkt sie ausgesprochen gelassen, trotz der monatelangen, körperlichen Anstrengung, die das Spargelstechen mit sich bringt. Die Rückenschmerzen und auch der Muskelkater hätten sich nach und nach wieder verabschiedet und Platz gemacht für ein wenig Stolz, erzählt sie. Dass diese Demut und Wertschätzung für Gemüsesorten, die alles andere als pflegeleicht sind, weitergetragen werden, das wünschen sich viele Landwirt*innen und Produzent*innen.

Spargel, Köln, Studenten

© Hipsterspargel

Studentenjob mal anders

Als Corona Köln erreichte und die Restaurants gezwungenermaßen schlossen, suchten viele Studierende nach anderen Optionen für eine Nebenbeschäftigung und fanden diese in der Landwirtschaft. Zu dem Zeitpunkt existierten noch keine Hilfsapps wie „Das Land hilft“,  die inzwischen Landwirt*innen mit Freiwilligen oder Arbeitssuchenden vernetzen können, so dass der anfänglich kleine Kern der Spargelhelfer verschiedene Bauernhöfe telefonisch kontaktieren musste. Ein Hoch hier auf die vergessene Telefonie! Fündig wurden sie schließlich beim Bauerngut Schiefelbusch, auf dem die Freiwilligen aufgenommen wurden – unter der Bedingung, dass sie sich eigens um die Schichtpläne und Organisation kümmern.

Die Spargelgang

So kamen nach und nach immer mehr Leute zusammen, darunter Friseure, Kfz-Mechaniker, Theatermacher und Studierende, um die Spargelfelder zu bewirtschaften. Auf dem Familienhof erfüllte sich das aus dem Boden gestampfte Kollektiv verschiedene Wünsche, wie uns Maxine im persönlichen Gespräch erzählt: die einen wollten sich mit der Natur im Umland connecten und auf die prekäre Situation von Landwirt*innen aufmerksam machen. Andere aus dieser 20-köpfigen Gemeinschaft haben notgedrungen nach einem Minijob gesucht und sich über die Arbeit an der frischen (coronafreien) Luft gefreut. Der Name hipsterspargel stammt vom Magazin Der Spiegel, denn die Story hat mediale Wellen geschlagen und die schillernde Truppe hat sich selbstironisch darauf gestürzt.

Spargel, Köln

© Hipsterspargel

Die etwas anderen Erntehelfer

Etwas außerirdisch wirken die Erntehelfer, sie tragen ausgefallene Klamotten, zelebrieren das Spargelstechen auch mal mit einer gemeinsamen Playlist, ähnlich wie auf einer Silent Disco Party – für den Antrieb und als Festivalsubstitution. Immer wieder wird im Gespräch deutlich, dass sich viele Menschen nach körperlicher, mit Händen greifbarer Arbeit sehnen. Sicherlich, dieses Eintauchen in die fachfremden Tätigkeit ist zeitlich begrenzt und dient mehr der individuellen Selbstverwirklichung, die sich in einem Drang nach Abwechslung äußert. Dennoch ist der Nebeneffekt nicht zu unterschätzen, denn diese kräftezehrende und eindeutig sinnstiftende Erfahrung in der Landwirtschaft wird von den Teilnehmer*innen in ihre verschiedenen städtischen Blasen getragen. Maxine betont, dass ihr der rege Austausch und das Erzählen wahnsinnig viel Freude bereitet – so steht vielleicht an erster Stelle eben dieser Kommunikationsfaktor.
Als Mediatoren bauen hipsterspargel kleine Brücken zwischen Erzeuger*innen und Konsument*innen: sie dokumentieren ihre Erlebnisse, posten, was das Zeug hält, klären sympathisch auf und vermitteln eine ungekünstelte Freude an Nachhaltigkeitsthemen. Wer weiß, was sich die gesellige Spargelgemeinschaft in Zukunft noch einfallen lässt, denn so eine Ernte schweißt zusammen und könnte auch zukünftig Früchte tragen.

Dieser Artikel ist auf redaktioneller Ebene entstanden.

Silvana

Silvana streunt am liebsten durch Ehrenfeld, auf der Suche nach leckerem Kaffee und einem sonnigen Plätzchen, an dem sie ihre Zeitung ausbreiten kann. Am Wochenende besucht sie die eine oder andere Ausstellung für moderne Kunst oder es zieht sie ins Theater der freien Häuser. Im Sommer radelt sie vergnügt durch die Stadt, vom Straßenfest zum Picknick am Rhein, um gemeinsam mit Freunden zu schnabulieren und zu philosophieren.