Easy Love?!

Easy Love?!...es gibt nur das, worauf man Lust hat

Der Film Easy Love feierte diese Woche seine Premiere in Berlin, nachdem er bereits letztes Wochenende in Köln gezeigt wurde. Der Kölner Regisseur Tamar Jandali und sein Team, das vorzugsweise aus lokalen Gesichtern und Bekanntheiten besteht, hat es mit seinem Independent Film tatsächlich bis zur Nominierung zum deutschen Filmpreis geschafft und diesen dann auch letztlich erhalten. Glückwunsch – Verdient!
Warum? Ganz einfach: Der Film fasst sozusagen das Glück und Leid der 'Generation Y' in gerade einmal 90 Minuten zusammen. Fluch und Segen, das ist das, was von der scheinbar grenzenlosen Freiheit am Ende übrigbleibt. Eine betäubte, berauschte, spaßzentrierte, melancholische, unsichere, haltlose Gruppierung, die am eigenen Hedonismus und der Illusion der grenzenlosen Freiheiten und Möglichkeiten zugrunde geht.

© Easy Love

Der Film

Klar, der Film spielt an einigen Stellen auch mit typischen Vorurteilen. Jeder Charakter befindet sich auf seine eigene Art und Weise im Kampf mit sich selbst. Denn jeder sucht doch in erster Linie das größtmögliche Glück für sich und will sich dabei nur ungern von Grenzen oder Verboten einschränken lassen. Beispielsweise der Frauenheld, der Frauen unverblümt und vor allem ohne zu Fragen beim Sex gern mal ins Gesicht schlägt. Für Kritik oder gut gemeinte Anregungen hat er nicht viel übrig und ergeht sich in Egozentrik, die wie später deutlich wird, doch nur ein Schutzschild seiner eigenen Unsicherheit ist. Oder aber die überzeugte Feministin, die lieber mit älteren und zuweilen nicht unbedingt attraktiven Männern schläft und sich nicht in einen Bio-Supermarkt stellen lässt, wo man ihre Arbeit überwacht, kontrolliert und vor allem: kommentiert. Das ist die wahre Unterdrückung. Dass ­auch das letztlich nur ein Hilfeschrei nach Liebe ist, wird sie im Verlauf ihrer Therapie herausfinden und hinterfragt fortan ihr Handeln.
Ebenso die freigeistige, pseudo-spirituelle Dame, mit den großen Augen und leicht irritierten Blick, die sich gefühlt in einem Rausch nach dem anderen ergeht, um die offene Beziehung beziehungsweise sexuelle Promiskuität ihres Partners zu ertragen. Ein schamanisches Ritual soll die erhoffte Reinigung bringen, zumindest von den unschönen Gefühlen. Unschöne Gefühle, die muss sich auch das frisch verliebte lesbische Paar eingestehen, nachdem die eine für die andere Hals über Kopf ihre Heimat verlässt und in das kleine 1-Zimmer-Appartment ihrer – neuerdings homosexuellen – Freundin zieht. Vielleicht war es alles nicht wirklich durchdacht, vielleicht kannte man sich vorher einfach noch nicht genug, vielleicht war noch nicht wirklich viel Zeit vergangen…

© Easy Love

Gefühl über Verstand

Gefühl über Verstand. Die Aussage trifft es wohl recht gut, denn ebenso agieren die Hauptcharaktere in ihrem Alltag: Spaß- und Lustprinzip gesteuert auf dem Weg ins nächste Abenteuer, einem weiteren Rausch entgegen. Dass dieser manchmal auch im Krankenhaus enden kann, wird am Ende nochmal besonders deutlich, wenn der nächtliche Ausflug in die elektronischen Gewölbe und technoiden Gefilde in der Notaufnahme endet. Verdrängung kann so weh tun.
Wer den Film noch nicht gesehen hat und sich fragt, inwiefern die Generation Y wohl dabei wegkommt: Nun ja, sie ist auf jeden Fall eine betäubte, berauschte, spaßzentrierte, melancholische, unsichere, haltlose Gruppierung, die am eigenen Hedonismus und der Illusion der grenzenlosen Freiheiten und Möglichkeiten  zugrunde geht. „Lust und Last zugleich.“ Openminded, aber nicht unbedingt mindful.
Der gesamte Film begleitet die insgesamt siebenjungen Erwachsenen zwischen 25 und 45 auf ihrem Weg und das mit grandioser Hintergrund Musik und Filmsets, die authentischer nicht hätten sein können. Zumindest erkennt das jeder Kölner, Köln Liebhaber oder regelmäßige Besucher: Die Techno-Szene wird in jedem Fall außerordentlich gut repräsentiert und verleiht dem an einigen Stellen doch sehr melancholischen Streifen, eine gewisse Leichtigkeit.

© Easy Love

Das Fazit

Eins darf auch nicht unerwähnt bleiben: So viel authentische Nacktheit und intime Szenen hat man selten gesehen. Das Gerücht, dass der Regisseur sich bewusst für Darsteller entschieden hat, die in einigen Fällen sogar eine gemeinsame Vergangenheit teilten, scheint sich gerade in den leidenschaftlichen Szenen zu bestätigen. Diese Art von Nähe kann doch nicht gespielt sein.
Gespielt war in dem Fall auch nicht alles, denn die Schauspieler_Innen hatten kein Drehbuch, sie improvisierten zum größten Teil und es kam nur selten vor, dass Tamar in die Handlung eingriff. Es entstanden über 150 Std Filmmaterial, aus dem er dann in monatelanger Kleinstarbeit die besten Szenen herausfilterte und einen Handlungsbogen kreierte. Seinen Worten zur Folge, entdeckte er diesen nach einigen Wochen im Schnitt.
Definitiv sehenswert! Auch wenn sich der ein oder andere Besucher vielleicht nicht mit allen Facetten des Films identifizieren kann, denn er ist schon auf ein gewisses Genre zugeschnitten. Die Charaktere sind alle ähnlich motiviert, was ihre beruflichen Ziele angeht und verfolgen in erster Linie die Suche nach sich selbst. Selbstverwirklichung ist in diesem Fall das Stichwort, auch wenn die betont feministische und vor allem unabhängige Tochter nur ein leicht irritiertes Grinsen von sich gibt, nachdem ihre Mutter – ebenfalls überzeugte Feministin – Miete verlangt.

© Easy Love

Die Realität

Nichts ist umsonst im Leben, vor allem Unabhängigkeit kostet. Geld, Überwindung, Konsequenzen und am Ende ist der Preis vielleicht sogar persönliches Leid. Der übersteigerte Drang nach Unabhängigkeit endet zuweilen in Einsamkeit und Selbstüberschätzung tut weh – zumindest für den Moment. Trotzdem spiegelt der Film alle Facetten des Lebensstils, der rein auf Selbstverwirklichung ausgelegt ist mit einer brutalen Ehrlichkeit und offenen Verletztheit, die einem unter die Haut geht. Selten wirkten die Charaktere so echt und nahbar, man kommt gar nicht umhin, sich mit dem ein oder anderen Gefühlsausbruch oder naivem Gutglauben zu identifizieren.
Am Ende müssen alle einsehen, dass ihr zuweilen egozentrisches Handeln sie nicht zwangsläufig vorwärts oder aber glücklich gemacht hat, geschweige denn zufrieden. Jeder von ihnen wirkt rastlos, ruhelos oder aber ohne jegliches Interesse daran sich gesellschaftskonform zu verhalten oder klassischen (Beziehungs-)Modell anzupassen. Natürlich erwischen wir den oder anderen Protagonisten beim tindern – ja klar. Wer sich sogar von einer monatlichen Mietszahlung distanziert und lieber durch die Betten fremder Frauen schnorrt, ist schließlich auf passende Matches angewiesen.

© Easy Love

Aber gerade diese Szenen zeigen dem Besucher doch auch immer wieder, wie unsere Wirklichkeit mittlerweile aussieht. Kurzzeitige, wahrscheinlich bedeutungslose Matches üben auf uns zeitweise eine größere Anziehungskraft aus, als tiefgründige und emotional intensive zwischenmenschliche Verbindungen. Am liebsten Single sein, aber mit ständig verfügbaren im besten Falle wechselnden Sexualpartner_Innen. Oder aber in einer Beziehung leben und ebenfalls die Vorzüge des Single Daseins genießen, denn auf die eigene sexuelle Autonomie muss nicht verzichtet werden. Yeah - das ist so 68!
Der Titel Easy Love beinhaltet somit im Nachgang eine ganz besondere Komik. Zuvor erweckte Erwartungen hätten ein eher humorvolles und mit weniger emotionalen Tiefen und Abgründen gespicktes Set vermuten lassen. Weniger Konsequenzen, weniger gebrochene Existenzen, weniger Schönmalerei, weniger Unsicherheiten und vor allem: etwas mehr Klarheit! Liebe ist scheinbar alles, aber offensichtlich nicht easy. Der Film hingegen ist echt.

Nadine

Nadine studierte nach dem Abitur an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Romanistik und Geschichte (Bachelor of Arts) und Internationale Geschichte der Neuzeit (Master of Arts). Aktuell arbeitet sie als Model, freie Autorin und Ghostwriterin, um genug Zeit für ihre Recherchen und Gedanken zu haben und sich ihr Kreativsein zu finanzieren. Das Reisen ist eine ihrer größten Leidenschaften, ebenso wie Literatur, Philosophie, Soziologie und (Kultur-)Geschichte. Als bisexuelle Frau in einer offenen Beziehung teilt sie auf ihrem Blog und Instagram, als auch auf ihren Facebook-Account persönliche Erlebnisse und spricht über (Bi-)Sexualität, (offene) Beziehungen und Achtsamkeit.