Eine Hymne auf das Lommerzheim

Eine Hymne auf das LommerzheimEin Erfahrungsbericht

Jeder, der schon einmal abseits der angesagten Stadtteile und ihren etablierten Pubs unterwegs war, kennt den Geruch und das Knarzen der PVC-Böden jener magischen Orte mit solch vielversprechenden Namen wie “Ullis Eck”, “Sattelkammer” oder “Zur Eule”. Ganz selbstverständlich entstanden diese in den Nachkriegsjahren in allen Teilen Deutschlands und sind seit jeher Institutionen der (oft) männlichen Freizeitgestaltung. Immerhin hat biertrinken Tradition in Zentraleuropa, insbesondere in Deutschland.

© Lommerzheim

Die Kneipenkultur

Jeder, der schon einmal abseits der angesagten Stadtteile und ihren etablierten Pubs unterwegs war, kennt den Geruch und das Knarzen der PVC-Böden jener magischen Orte mit solch vielversprechenden Namen wie “Ullis Eck”, “Sattelkammer” oder “Zur Eule”. Ganz selbstverständlich entstanden diese in den Nachkriegsjahren in allen Teilen Deutschlands und sind seit jeher Institutionen der (oft) männlichen Freizeitgestaltung. Immerhin hat biertrinken Tradition in Zentraleuropa, insbesondere in Deutschland.
Egal ob Weizen, Pils, Dunkel, Alt, Bock, Doppelbock, Helles, Zwickel, Gose oder eben auch Kölsch - hierzulande hat man sich für jedwedes lokale Kolorit die passenden Pilgerstätten erbaut um in aller Form die Sau raus zu lassen. Sie alle haben jedoch dasselbe Problem: Sie sind alt. Konzept, Interieur, Personal - nichts erweckt mehr den Anschein, als können neue Generationen hier einen Heimathafen für ihre unsicheren Gewässern finden. Das Kneipensterben ist äußerst real; Zumal wenn man sich vergegenwärtigt, dass das vermittelte Lebensgefühl schlicht seinen Vibe verloren hat. War es noch vor 30 Jahren Usus, sich laut johlend samt seiner Clique dem wohlbekannten “zweiten Wohnzimmer” zu nähern um dort mit Zigarette im Mundwinkel durch die klingelnde Schwingtür geschubst zu werden um bei Barfrau Birgit “das Übliche” zu bestellen, verlangt der Weekend Warrior von Welt heute nach mondäner Atmosphäre in sich immer neu definierenden Locations. Und wenn man dann noch in einer Großstadt wohnt, sind diese kunstvoll installierten Trinkhallen meist eh nur Startrampen für den nächsten Club. Der Abgesang auf den klassischen Kneipenabend findet aber ohnehin in ganz Deutschland statt.
Ganz Deutschland? Nein! Eine von unbeugsamen Kölnern bevölkerte Kneipe hört nicht auf, dem Kneipensterben Widerstand zu leisten. Und jeder, der schon einmal op de schäl Sick war, weiß wovon ich rede:

© Liebe deine Stadt Touren

Das legendäre Lommerzheim

Was kann man noch über das “Lommi” schreiben, was nicht schon geschrieben wurde? Die Schänke mit dem traurigen Äußeren, die nicht einmal ihren im Handelsregister aufgeführten Namen als Leuchtreklame trägt, dürfte es so eigentlich gar nicht geben. Fragt euch doch einfach mal selbst, wann euch das letzte mal der Sinn danach stand in aufgehübschten Kriegstrümmern Bier zu trinken, bis der letzte das Licht ausmacht. Und doch kann ich nicht anders als ehrlich zu sagen, dass ich mich ab dem ersten Besuch verliebt habe.
Mein erster Besuch war an einem verkaterten Samstag Nachmittag. Wir saßen zu Hause, bei meinem besten Kumpel, tranken Alka-Seltzer und überlegten, was wir nun mit diesem angebrochenen Wochenende machen. Irgendwann meinte mein Kumpel dann:
“Lass uns doch heilig ins Lommi!” Was für ein Einfall, dachte ich. Ich hatte durchaus schon von der kölschsten aller Kölschkneipen wilde Berichte gehört und kam zu dem Schluss, dass es trotz Kater wohl das Beste wäre nach Deutz zu wackeln und mir selbst ein Bild zu machen. Darüber hinaus, so fand ich, ist es gut für die Vita, einfach mal drinnen gewesen zu sein… ähnlich wie beim Berghain.

© Jill Gräb

Das Leben im Lommi

Wir machten uns also auf den Weg, ich hörte gespannt den Lommerzheim-Anekdoten zu, die mir mein Freund erzählte und gewann den Eindruck, er würde mir aus einem Evangelium vortragen. Die Geschichten waren alle so unnahbar und so monolithisch, als wären es Legenden aus längst vergangenen Tagen. Halleluja, was war ich gespannt!
Wir kamen also in Deutz an (hurra, Deutz!) und bogen in die Siegesstraße ein, um vor der “Gaststätte” durch die Menschenmenge in den Tempel zu laufen. Bereits um 13 Uhr ist die Stimmung hier am Siedepunkt, die Köbes haben alle Hände voll zu tun. Wir hatten Glück und fanden bei einem Urkölner Pärchen am Tisch platz und ich hatte endlich Gelegenheit das Innere zu bewundern. Was war dies doch für ein seltsamer Ort? Alles wirkte so traurig und aus der Zeit gefallen, es versprühte den Esprit der Dorfkneipen meiner Heimat und hatte noch nicht mal den Anstand so tun als es würde man sich Mühe geben hier irgendwas in Schuss zu halten. Die Wasserflecken an der Decke erweckten den Eindruck, als würden Sie jeden Moment anfangen in die von Hand nachgefüllten Ketchupflaschen zu tropfen, der Klimbim in den Schränken hinter der Theke wurde eindeutig dort vergessen, als Bonn noch Hauptstadt war und die Zapfanlage entpuppte sich rasch als Attrappe.
“Isch kannte denn Lommi no’ persönnlisch” riss es mich aus meinen Tagträumen. Der nette, völlig betrunkene Herr neben mir war längst in ein Gespräch mit meinem Kumpel eingestiegen und erzählte von seinem Leben als Lommerzheim-Resident. Ich kannte die Kölner Kiezkultur schon und wusste, dass es sehr einfach ist hier Leute kennenzulernen aber wie schnell es in genau dieser Gaststätte ging, war mir neu. Und dann fiel mir erst auf, wie vielfältig die Massen hier in himmlischer Harmonie rein und raus strömten, ohne dabei auch nur im Entferntesten deplatziert zu wirken. Es lacht die koreanische Touristengruppe zusammen mit dem Chorweiler Kniffelclub über die verzweifelten Anmachversuche der Robert-Geissen-Karikatur am anderen Ende der Bar, während am Tisch neben mir eine Afterhour vom Odonien direkt hierher verlegt wurde und eine vierköpfige Familie sich ‘ne Runde Koteletts mit Kartoffelsalat bestellt.Die erste Runde Bier wurde vom Köbes natürlich ungefragt auf dem Tisch drapiert. Zwei Striche, und der gute Mann schlängelte sich wieder durch die Menge zum nächsten Tisch. Ich nahm einen kräftigen Schluck um die Sinne zu stärken. Der nette Herr neben mir erzählte weiter von seinen aufregendsten Abenteuern im Lommi, und wie wir so lauschten und lachten, tranken wir eine Runde nach der nächsten. Dann entschieden wir, dass es Zeit wurde einen Blick auf die Speisekarte zu werfen. Diese hängt romantisch über dem Durchgang zum Aussen-/ Raucherbereich und eigentlich war uns ohnehin klar, was wir essen wollten.

© Jill Gräb

Die Fresskultur

Die Koteletts im Lommi werden allenthalben gut und gerne als der neue Christus gehandelt. Denn wahrlich, wahrlich wer sich einst gütlich tut an jenen zart gebackenen Scheiben, dem vergällt es fortan Nektar und Ambrosia zur kalter Asche. Aber nun mal ehrlich: Die Koteletts dort sind ein Erlebnis für sich und es würde mich nicht wundern, wenn Gastrotouristen aus aller Welt nach Köln kommen nur um dafür Halt im Lommerzheim zu machen. Jedem Besucher möchte ich wärmstens ans Herz legen das Kotelett mit (dick) Zwiebeln und Kartoffelsalat zu bestellen. Denn wer gut Bier trinkt bekommt ja früher oder später ja auch Hunger. Ach ja und das Bier…
Im Lommerzheim gibt es (anders als die außen angebrachte DAB Reklame vermuten lässt) Kölsch. Päffgen, um genau zu sein. Stilecht aus’m Holzfass, ausgeschenkt in den bekannten Kränzen und mit flapsigem Spruch serviert vom Köbes. Regelmäßig sieht man einen dieser guten Männer mit einem neuen Fass auf der Schulter durch die Menge stapfen um den durstigen Horden frischen Nachschub zu liefern. All dies trägt natürlich zur allgemeinen Atmosphäre bei und so wird man den Eindruck nicht los hier an einem Samstagnachmittag weniger in einer Trinkhalle als vielmehr in einem Panoptikum der Kölner Kiezkultur gelandet zu sein. Selbst wenn ich mit ‘ner Pappnase an Karneval auf der Spitze des Doms mit Lukas Podolski zusammensitzen und Höhner-Lieder singen würde, wäre mein Gefühl des echten, Kölschen nicht stärker als es hier im Lommi ist. All dies lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Authentizität.

© Jill Gräb

Die Liebe zum Lommerzheim

Man gibt sich in dieser ganz speziellen Gaststätte wirklich alle Mühe sich nicht zu viel Mühe zu geben und arbeitet lieber an dem Erhalt der eleganten Schlichtheit, als die Speisekarte zu erweitern oder ein bestimmtes Klientel zufriedenzustellen, bestes Beispiel: Hans Lommerzheim weist den amerikanischen Präsidenten ab.... kann man sich nicht ausdenken.
Und ich bin überzeugt, dass dies genau das ist, nach dem sich so viele eigentlich sehnen. Nicht der Zauber von vergangenen Tagen, sondern etwas, das einfach das ist, was es ist und gar nicht erst versucht anders zu sein. Ich persönlich kenne keinen Ort, der dies so gut auf den Punkt bringt, denn was will ich eigentlich mehr als Kölsch, Koteletts und Atmosphäre?
Der Nachmittag wurde länger und länger und nach der drölften Runde mussten auch wir so langsam gehen. Wir zahlten unseren Deckel, tranken noch eins auf dem Weg und fühlten uns Stolz an etwas Echtem und Unverfälschtem teilgehabt zu haben. Ich war mir sicher, dass ich diesen einen Besuch in Erinnerung behalten müsste, denn wer weiß schon wann es mich wieder nach Deutz verschlägt. Ach, wie hätte ich auch wissen können, dass ich am nächsten Tag wieder im Lommerzheim sein werde...

Sebastian Schlimme

Lommerzheim

© Jill Gräb

Dieser Artikel ist auf redaktioneller Ebene entstanden!

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