Fischkopp op Jück

Fischkopp op JückWie es sich anfühlt, als Nordlicht in Kölle zu leben

Es war der berühmt berüchtigte Numerus Clausus, der mich vor zehn Jahren zwang, Hamburg zu verlassen. Mit meinem mittelmäßigen Abitur und dem verzweifelten Wunsch „irgendwas mit Journalismus oder Medien“ zu studieren, blieben mir nach der Schulzeit genau zwei Optionen: tiefster Osten oder rheinland-pfälzische Provinz. Ich biss die Zähne zusammen, warf eine Münze und landete in Trier, wo ich mich mit jeder Menge Moselwein über mein Entwurzelungstrauma hinwegtröstete.  Drei Jahre später, mit dem Bachelor in der Tasche, wollte ich dann nur eins – nach Hause, in den Norden. Wieder machte mir die Uni Hamburg einen Strich durch die Rechnung. Statt zurück an die Elbe, verschlug es mich nach Köln.

People are strange

Als ich im Herbst 2013 mein erstes WG-Zimmer in Köln Ehrenfeld bezog, hätte ich die Umzugskartons am liebsten gar nicht erst ausgepackt. So sehr ich mich auch bemühte, der Stadt eine Chance zu geben – Köln und ich wurden einfach nicht warm miteinander. Den Lokalpatriotismus meiner ebenfalls zugezogenen Freunde konnte ich absolut nicht nachvollziehen. Egal wie oft man mir versicherte „Kölle“ sei „e Jeföhl“, ich fühlte es einfach nicht. Da halfen auch raue Mengen Kölsch nicht weiter. Für mich war die Stadt, gerade im Vergleich zu Hamburg, einfach nur hässlich – eine 60er-Jahre-Betonwüste mit nervtötend extrovertierten Bewohnern. Die berühmte Offenheit und Freundlichkeit der Rheinländer fand ich damals eher aufdringlich als charmant. Gefühlt verging keine Straßenbahnfahrt, ohne dass mich ein völlig Fremder in ein Gespräch verwickelte. Willkommen in der Smalltalk-Hölle. Die norddeutsche Reserviertheit, das wurde mir schnell klar, ist alles andere als ein überholtes Klischee. Noch heute frage ich mich, wie es wohl den vielen Exil-Kölnern im Norden ergeht. Wahrscheinlich kämpfen in Hamburg täglich hunderte zugezogene Rheinländer gegen die soziale Vereinsamung und wundern sich, dass in der U-Bahn niemand mit ihnen spricht. Womit ich nicht sagen möchte, dass alle Norddeutschen soziophobe Eigenbrötler sind. Natürlich gibt es auch in Hamburg nette Menschen, natürlich findet man auch hier neue Freunde - nur eben nicht spontan auf der Straße.

Liebe deine Stadt

Gäbe es so etwas wie Tinder für Großstädte, hätte Köln wohl schlechte Karten. Unsexy und ein bisschen aufdringlich? Nicht gerade eine Knaller-Kombo. Auf den ersten, zweiten oder dritten Blick ist es absolut nicht nachvollziehbar, warum die Kölner ihre Stadt so abgöttisch lieben. Außenstehenden muss das ganze so vorkommen, als litten sämtliche Einwohner kollektiv unter der Städte-Variante des Stockholm-Syndroms. Nicht ganz zu Unrecht. Um Stadt und Menschen zu verstehen, das habe ich irgendwann begriffen, muss man erst eine Weile hier leben. Selbst der patriotischste Kölner behauptet nicht, dass es sich bei der Stadt um ein städteplanerisches Meisterwerk handelt. Es heißt nicht ohne Grund, Köln sei zweimal ruiniert worden: einmal im Krieg und einmal beim Wiederaufbau. Die Kölner sind keinesfalls völlig verblendet. Sie wissen, dass ihre Stadt hässlich ist. Es ist ihnen nur einfach scheissegal. Wer lange genug hier lebt, wird irgendwann feststellen, dass "Kölle" weniger ein "Jeföhl" als viel mehr eine Einstellung ist. Liebe deine Stadt! Imperativ. Der Wille, das beste aus den Gegebenheiten zu machen und den eigenen Lebensraum mitzugestalten, zeigt sich immer da, wo Menschen mit viel Kreativität und Herzblut kleine Oasen in der Betonwüste schaffen. Ich wohne mittlerweile direkt am Ebertplatz, der noch bis vor kurzem als urbaner Schandfleck und Crime-Hotspot galt. Mittlerweile tummeln sich hier neben zwielichtigen Gestalten auch junge Familien, Kölsch oder Bio-Eistee schlürfende Hipster und seit neuestem sogar vom Aussterben bedrohte Sandbienen. Die Wiederbelebung des Platzes haben wir in erster Linie der Initiative "Unser Ebertplatz" zu verdanken. Mit Urban Gardening und Bürgerbeteiligung gegen die Beton-Tristesse. Liebe deinen Ebertplatz!  Ich trage meinen Teil bei und trinke regelmäßig ein Feierabendbierchen am neu erweckten Brunnen - auch wenn ich mich dafür hin und wieder mit einem Fremden unterhalten muss. Wie sagte ein Kumpel von mir einmal so treffend? "Köln ist, was du daraus machst." Er hat Recht.

Das Herz von St. Pauli

Natürlich gibt es Tage, an denen mich das Heimweh packt. Die Liste der Dinge, die ich vermisse, ist lang: Elbe und Alster, den Blick auf die Landungsbrücken aus der U3, den Hafen im Sonnenuntergang (und eigentlich auch zu jeder anderen Tageszeit), Franzbrötchen, die so schmecken, wie Franzbrötchen nun mal schmecken sollen, durchzechte Nächte in verrauchten Spelunken, die es so nur in Hamburg gibt, Schanzenfest und Reeperbahnfestival, den Hafen, die Lichter, und natürlich das Millerntor. Zu wissen, dass Freunde und Familie im Stadion stehen, während ich hunderte Kilometer entfernt allein vor dem Fernseher sitze, war für mich anfangs nur schwer zu ertragen. Mit der Zeit habe ich andere Fans kennengelernt und alternative Fußballkneipen wie Lotta und Limes gefunden, die St. Pauli Spiele übertragen und sogar Astra ausschenken. Immerhin. Trotzdem versuche ich Heimatbesuche in der Regel so zu planen, dass ich ein Heimspiel erwische. Spätestens, wenn das ganze Stadion das "Herz von St. Pauli" anstimmt, frage ich mich für einen winzigen Moment, wie ich so dumm sein konnte, das alles aufzugeben. Im RheinEnergieSTADION war ich bisher nur einmal, im Gästeblock. So sehr ich Köln auch zu schätzen gelernt habe, mein Herz gehört einem anderen FC. Das wird sich wohl nie ändern. Wann immer ich im Norden bin, kaufe ich am Hauptbahnhof außerdem noch ein paar Franzbrötchen. Die landen dann in Köln in der Tiefkühltruhe und werden bei akutem Heimweh wieder aufgetaut - ein Trick, den ich von einem anderen Exil-Hamburger gelernt habe.

Millerntor Stadion FC St. Pauli Sticker Fußball

Millerntor © Regine Frania-Albertz

Home ist nun mal where your heart is

Wenn die Jungs von Kettcar Recht haben, dann bin ich in zwei Städten zu Hause. Die Liebe zu Köln ist mir inzwischen so ins Blut übergegangen, dass ich sie zum Beruf gemacht habe und als Redakteurin für Geheimtipp Köln regelmäßig über die schönsten Seiten der Stadt berichte. Selbst in meiner Freizeit bin ich für @cologne_bestplace auf Instagram unterwegs. Ich liebe mein Veedel, kenne die Stadt inzwischen wie meine Westentasche und mag die Vertrautheit, die dadurch entsteht, dass jeder irgendwie jeden kennt - zumindest gefühlt. Als ich hörte, dass man in Hamburg neuerdings das "Cornern" für sich entdeckt habe, musste ich erstmal laut lachen. Das Feierabendkölsch am Stammkiosk ist längst ein fester Bestandteil meines Alltags geworden. Ohne Kioskbier - ohne mich. Kurzum: Ich fühle mich pudelwohl in meiner Wahlheimat - zumindest an 357 Tagen im Jahr. Wenn Karneval vor der Tür steht, packe ich meinen Koffer und flüchte nach Hamburg. Eine überzeugte Jeckin wird aus mir bestimmt nicht mehr. Nach meiner ersten und einzigen Begegnung mit dem Kölner Straßenkarneval lag ich erstmal für eine geschlagene Woche flach - die Mischung aus Kulturschock, Grippe und Kater habe ich nur knapp überlebt. Seitdem verzichte ich lieber. Spätestens zum Schlagermove steht dann Besuch aus Hamburg vor der Tür. Betrunkene Menschenmassen in bunten Kostümen sind keineswegs ein ausschließlich rheinländisches Phänomen und weiß Gott nicht jedermanns Sache. Was solls. Levve un levve losse. Selbst an die gesellige Aufdringlichkeit der Kölner habe ich mich inzwischen gewöhnt. Ich habe sie sogar fast ein bisschen lieb gewonnen. Wo sonst in Deutschland sind die Leute so aufrichtig an ihren Mitmenschen interessiert, dass sie extra stehen bleiben, um zu fragen, wie der Müsliriegel schmeckt. Vor ein paar Jahren noch hätte ich die Augen verdreht und wäre weitergegangen. Heute morgen aber habe ich mich allen Ernstes in einer Diskussion über vegane Snacks wiedergefunden - mit einer völlig fremden 80-jährigen Frau.

Celina

Celina ist im Agnesviertel zu Hause. Ihr Herz schlägt für guten Kaffee, Plattenläden und Trödelmärkte. Am Wochenende findet man die gebürtige Hamburgerin meist auf Konzerten oder in einer der zahlreichen Kneipen ihrer Wahlheimat.