Popkomm, Viva und Spex

Popkomm, Viva und SpexAls Köln in den 1990er Jahren die kulturelle Hauptstadt des Pops war

Fragt man heute Kölner auf der Straße nach den bekanntesten musikalischen Aushängeschildern, fallen wahrscheinlich drei Namen am häufigsten: Höhner, Bläck Föss und BAP. Fast vergessen scheint die Zeit, als die Popkomm eine der renommiertesten Musikmessen, VIVA erfolgreicher als MTV war und die Spex noch in der Domstadt geschrieben wurde. Wir beleuchten, warum gerade Köln in dieser Zeit so wichtig war und wohin es Freunde der guten Popmusik heute zieht.

Yes they Can – der Beginn Kölner Popkultur

Während man während der Karnevalszeit hauptsächlich Musik von Höhner, Bläck Föss und BAP auf Partys hören kann, ist es eine vierte Band, die Köln auf die Landkarte internationaler Popmusik setzte: Can. Die avantgardistische Band wurde 1968 als The Can als experimentelles Kollektiv verschiedener Musiker mit kontrastierenden musikalischen Hintergründen gegründet und trat ab 1969 unter dem verkürzten Namen Can auf. Die Band gilt bis heute als die international bekannteste Kölner Band und als eins der einflussreichsten deutschen Musikprojekte aller Zeiten. Ihre experimentelle und improvisatorische Spielweise wich stark von zeitgenössischer Rockmusik ab und bezog stattdessen Einflüsse aus Jazz-Rock, Free-Jazz, Weltmusik und klassischer Komposition, die zwei ihrer Gründungsmitglieder bei Karlheinz Stockhausen an der Musikhochschule Köln studiert hatten. Can hatte maßgeblichen Einfluss auf zahlreiche Punk- und Post-Punk Bands, sowie auf No-Wave und elektronische Musik. 2003 erhielt die Band den Echo für ihr Lebenswerk. Nach Cans Wirken in den späten 1960er und während den 1970er Jahren kam Kölns Bedeutung im Kontext der deutschen Popmusik vorübergehend zum Erliegen. Bis zum Erscheinen der Popmusik-Zeitschrift Spex.        


© Can

Zwischen Pop und Subkultur: die Spex als Speerspitze deutscher Popliteratur

1980 erschien die erste Ausgabe der Musik- und Popkulturzeitschrift, deren Name an die englischen Punkband X-Ray Spex angelehnt ist und im Gegensatz zu vielen Fanzines der Zeit nicht kopiert, sondern großformatig gedruckt und neben Plattenläden auch an Bahnhöfen verkauft wurde. Nach dem Verkauf der Sounds, dem ersten deutschen Popmusik-Magazin, an den Schweizer Jürg Marquard im Jahr 1983 und der stärkeren inhaltlichen Ausrichtung an der Verlagsschwester Musikexpress wechselten zahlreiche Redakteure und Autoren (darunter Detlef Diedrich Diedrichsen) zur Kölner Spex. Hiervon profitierte das Magazin, insbesondere auf inhaltlicher und literarischer Ebene. Das Konzept der Spex sah vor AutorInnen nur begrenzt einzuschränken, sodass eine subjektive Wahrnehmung in den Essays, Artikeln und Musikbesprechungen nie verloren ging. Während dieser Zeit entwickelte sich die Spex als literarisches Sprachrohr deutscher Popmusik. Artikel in der Spex behandelten vermehrt zum damaligen Zeitpunkt unbekannte Künstler, die im späteren Verlauf ihrer Karrieren weltweit Erfolge feiern konnten. So wurde etwa einer der ersten deutschsprachigen Artikel über die damals noch unbekannte Künstlerin Madonna in der Spex veröffentlicht. Kölner Musiker fanden in 1980er Jahren in der Spex jedoch weniger Beachtung. An Relevanz gewann Köln als Anlaufpunkt für internationale Labels und Künstler jedoch spätestens erneut mit dem Umzug der Popkomm von Düsseldorf nach Köln.        



© SPEX

Von Wuppertal über die Düsseldorf nach Köln – die Popkomm und VIVA bereichern Köln

Als Ingmar Koch, eine Hälfte des Frankfurter Duos Air Liquide, 1996 die Techno Bar Liquid Sky Cologne eröffnete, die wie kein anderer Club den Sound of Cologne versinnbildlichte, fand die Popkomm bereits zum siebten Mal in Köln statt. Nachdem bereits Mitte der 1980er Jahre in der Wuppertaler „Börse“ Musikmessen vom damaligen Vorsitzenden des „Rockbüro NRW, Dieter Gorny, ausgerichtet worden waren, wurde 1989 im Düsseldorfer zakk die erste Popkomm veranstaltet. Ursprünglich in erster Linie als Insidertreff der unabhängigen Musikszene bekannt, entwickelte sich die Popkomm nach ihrem Umzug nach Köln zum Happening der internationalen Musikbranche. 1993, drei Jahre nachdem die Popkomm nach Köln gekommen war, nahm der von den Gründern der Popkomm ins Leben gerufene deutsche Musiksender VIVA seinen Dienst auf und überholte direkt im ersten Jahr mit MTV die amerikanische Konkurrenz in Deutschland. VIVA, der auch deutsche Musik in das Rampenlicht rückte, trugt maßgeblich dazu bei, dass sich innerhalb der deutschen Gesellschaft der 1990er Jahre ein tieferes Interesse für deutschsprachige Musik und Musik aus Deutschland formierte und war Grund dafür, dass sich Köln über RTL hinaus seinen Ruf als Medienstadt etablieren konnte. Doch kurz nach der Jahrtausendwende zeichnete sich ein drastischer Wandel in der Kölner (Pop)Musik Szene ab.

© VIVA

Umzug, Verkauf und Identitätsverlust: was aus Spex, VIVA und Popkomm nach 2000 passierte

Für die Kölner Spex bedeutete 2000 nicht nur der Beginn eines neuen Jahrtausends, sondern mit ihm auch die Veräußerung der Spex Verlagsgesellschaft an die Piranha Mediengruppe und mit ihr das Ende der gelebten Selbstherausgeberschaft. Auch nach dem Verkauf wurden die Spex und ihr neuer Kurs noch mehrfach ausgezeichnet und die Zeitschrift und ihr Aufbau konsequent weiterentwickelt. Spätestens mit dem Umzug nach Berlin und der damit einhergehenden Entlassung der gesamten Redaktion, die sich geschlossen gegen den Umzug gestellt hatte, endete die Kölner Ära der Spex.

Bei VIVA folgte auf die Expansion nach Polen (Juni 2000) und Österreich (November 2000) der Verkauf von 49 Prozent der Firmenanteile an die US amerikanische Time Warner Gruppe im Jahr 2001. Ende August 2004 übernahm Viacom, zu dessen Portfolio bereits MTV und eine Vielzahl internationaler Fernseh- und Radiosender zählten, 98 Prozent der Anteile an der VIVA Media AG. Bereits am 14. Januar 2005 fand die letzte Hauptversammlung statt. Im Anschluss wurden 240 der 300 VIVA Mitarbeiter entlassen und der Umzug zu MTV nach Berlin vollzogen.     
Auch die Popkomm zog es nach Berlin. Nach einer letzten Messe 2003 wurde der Kölner Branchenliebling an die Messe Berlin verkauft, wo 2004 die erste Popkomm nach dem Verkauf stattfand. In den folgenden Jahren konnte sich die Popkomm auch in Berlin behaupten und wuchs zu einer der drei wichtigsten B2B Veranstaltungen der Musikindustrie heran, bis sie 2009 aufgrund sinkender Einnahmen erstmals abgesagt wurde. 2010 kehrte die Popkomm als Teil der Berlin Music Week zurück. Seit 2015 finden Popkomm und Berlin Music Week in deutlich kleinerem Rahmen statt. Das diesjährige Festival findet als Pop-Kultur in der Kulturbrauerei Berlin statt.    
Doch was passierte nach dem Wegzug der Spex, dem Umzug der Popkomm und der de facto Auflösung von VIVA mit Köln?

© Berlin Music Week

Quo vadis Pop: was heute mit der Popmusik in Köln passiert

Es hätte wahrscheinlich niemand erwartet, dass nach dem Ende der Kölner Popkomm der Stellenwert der Musik in Köln abnehmen würde. 2003, im selben Jahr der letzten Popkomm in Köln und unmittelbar nach dem Verkauf an die Messe Berlin, wurde die c/o pop (Cologne On Pop) von Kölner Kulturschaffenden als Reaktion auf den Verlust geplant. Das erste Musikfestival der c/o pop fand bereits im nächsten Jahr statt. Seit bereits 15 Jahren lockt die Kombination aus Festival und Branchentreff zehntausende Besucher an den Rhein. Der Fokus des Events liegt insbesondere auf urbanen, elektronischen, experimentelle und alternativen Ausprägung temporärer Popmusik und neuen Entwicklungen im Bereich der digitalen Vermarktung und elektronischen Medien.     

Im vergangenen Jahr konnte das Musikfestival mehr als 30.000, der Branchentreff etwa 1200 Besucher verzeichnen. Auch dieses Jahr findet die c/o pop erneut in Köln statt. Vom 29. August bis 2. September können Interessierte zahlreiche Konzerte eines breiten musikalischen Spektrums besuchen. Im Rahmen des diesjährigen Festivals können etwa Haiyti, The Notwist, Drangsal und Hulk Hodn besucht und bewundert werden.

© c/o pop

Hauke

Hauke arbeitet als freier Autor für Geheimtipp Köln und schreibt am liebsten über lustige Tiere und alkoholische Kaltgetränke. Der passionierte Trainspotter liebt die urigen Eckkneipen Kölns.