Vicki Blau denkt

Vicki Blau denktEs gibt keinen vernünftigen Grund in Köln zu leben

Okay, wenn man krasser Masochist ist und dem FC zum x-sten Mal aus nächster Nähe beim Abstieg zusehen will, wäre das natürlich eine Option. Wenn man nicht viel Geld für einen Trip zum Ballermann hat und trotzdem auf eine gewisse Portion „Mundart meets Hüttengaudi“ – Gefühl im Alltag nicht verzichten will, dann könnte es sein, dass man sein Eldorado in der Kölner Altstadt findet.
Oder auch, wenn man sagt, dass man große Zufriedenheit beim Anblick möglichst reizarm gestalteter 70er Jahre Bausünden empfindet, dann hat die Stadt einem extrem viel zu bieten. Man kann auf den ersten Blick nicht  verstehen, was alle an Köln immer so finden. Wer seine eigene Stadt schon „Köllefornia“ nennen muss, der hat’s nötig, denkt man sich.

© Daniel Apen

Cool Kids auf dem Städteschulhof.

Warum finden die Leute es hier so geil? Haben die sich noch nie den Barbarossaplatz angesehen? Wenn ich da stehe, auf die verspätete 15 warte, es regnet und ich mir vor Augen führe, dass es Menschen gibt, die in Wien leben, da möchte ich doch heulen.
Nachdem es also die Optik nicht sein kann, frage ich mich: „Was macht die Stadt so attraktiv?“ Die Lage? Nein! Meer und Berge sind weit weg. Die Szene? Naja, es gibt sie, aber im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten gehört Köln schon nicht so zu den cool Kids auf dem Städteschulhof.

Vicki Blau © Niklas Berg

„Lieb mich oder lass mich.“

Rational verstehe ich nicht, warum man hier leben will. Jetzt bin ich gebürtige Kölnerin und kann das Ganze natürlich eigentlich nicht rational sehen. Mein ganzes Leben war immer irgendwie mit dieser dreckelijen Stadt verknüpft. Für mich ist Köln eine dicke Mama, die mich in den Arm nimmt, wenn der Rest der Welt böse zu mir war. Natürlich liebe ich sie. Aber das tun Leute, die aus Duisburg kommen ihre Stadt vermutlich auch.
Wenn ich Freunde frage, die nicht nur freiwillig nach Köln gekommen, sondern hier auch geblieben sind, dann zitieren die meisten den Höhner-Song „Du bes e Jeföhl“ . Und das trifft es meiner Ansicht nach ganz gut. Köln kriegt es nämlich hin, sich so sehr selbst zu lieben, dass auch andere es tun. Dass sie keine Wahl haben, nach dem Motto: „Lieb mich oder lass mich.“

© Unsplash

Wegen dem Jeföhl

Köln ist ein Brainwash, der es schafft, dass tatsächlich viele Leute ein Drecksloch wie den Aachener Weiher idyllisch finden. Und das ist für mich nur Liebe.  Irrational und bescheuert, aber ein Totschlagargument. Wenn man sich sagt: „Du bist nicht schön, du bist überhaupt nicht charmant und in vielen Situationen bist du mir unfassbar peinlich, aber ich bleibe hier.“, dann ist man angekommen.

Und wenn man das weiß, dann wird einem, wenn die untergehende Sonne sich in den Entenkotlachen am Aachener bricht und der Becksmann zweimal brüllt, doch plötzlich warm ums Hätz. Wegen dem Jeföhl.

Vicki

Vicki ist im Bilde, wenn es um Events und Kulturspektakel aller Art geht. Sie ist Comedienne, Schauspielerin und Autorin. Wenn sie nicht gerade auf der Bühne steht, sitzt sie je nach Tageszeit gerne mal in einem schönen Café oder einer Bar - klischeemäßig natürlich am MacBook. Sie wohnt in der Südstadt.