WIR WOLLEN SICHER NACH HAUSE KOMMEN! Text me when you get home xx

„Text me when you get home xx“ – „Schreib mir, wenn du zu Hause bist“. Ein Satz, den wir kennen. Ein Satz, der oft mit einem kleinen Ping als Pop-up Nachricht auf unserem Handy-Display erscheint, wenn wir uns in der Dunkelheit auf den Heimweg machen und den wir ebenso oft an unsere Freundinnen versenden, die draußen alleine unterwegs sind. Ein Satz, der Alltag ist und der dennoch im Verlaufe der letzten Wochen im Falle des Verschwindens der 33-jährigen Sarah Everard eine ganz neue Bedeutung bekommen hat. „Text me when you geht home xx“. Dieser Satz steht seit gut einer Woche symbolisch für die Debatte über die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum.

Wer ist Sarah Everard?

Sarah Everard war am 3. März verschwunden, als sie sich abends gegen 21 Uhr auf den Heimweg von einer Freundin im Süden Londons machte. Zwei Tage später fand man ihre Leiche in der südostenglischen Grafschaft Kent. Kurz darauf wurde ein 48 Jahre alter Polizist festgenommen, der seitdem in Untersuchungshaft sitzt und wegen Entführung und Mordes angeklagt ist. Der Fall hatte Anfang März schnell Schlagzeilen gemacht und zu einem Aufschrei gegen Belästigung und Gewalt an Frauen geführt.

Der Post, der viral ging

Auch die Influencerin Lucy Mountain hat der Fall von Sarah nicht losgelassen. Sie verfasste ein Posting, das innerhalb kürzester Zeit viral ging. Mit ihren Worten hat sie bei vielen Frauen einen Nerv getroffen. Schließlich kennen wir alle die Situation, in der wir auf dem dunklen Heimweg den Schlüssel in der Jackentasche zwischen unsere Fingerknöchel legen, einen Telefonanruf faken oder eine dunkle Straße entlang rennen, weil wir uns verfolgt fühlen. Vorsichtsmaßnahmen, die wir kennen, seit wir klein sind. Seit man uns als Kinder Geschichte von Mitschnackern erzählt hat, die uns schon damals in unseren Träumen heimgesucht haben. „Sei vorsichtig. Rechne immer mit dem Schlimmsten. Sei gewappnet.“ Schon als kleine Mädchen werden wir mit einem Misstrauen in die Welt erzogen, das uns dazu veranlasst, unsere Haare in die Kapuze zu stecken und uns potenzielle Fluchtwege auszumalen.

Und wenn man sich die Kommentare unter Lucy’s Posting ansieht und liest, wie viele Frauen in den sozialen Netzwerken in den vergangenen drei Wochen unter dem Hashtag #ReclaimTheseStreets davon berichten, wie sie im öffentlichen Raum bedrängt, angemacht oder sogar begrapscht wurden, dann verwundert es nicht, dass wir kleinen Mädchen nach wie vor raten, stets mit dem Schlimmsten zu rechnen. 

Laut einer Studie der britischen Vertretung der UN Women geben 97 Prozent der 18- bis 24-Jährigen an, dass sie Erfahrungen mit sexueller Belästigung im öffentlichen Raum gemacht haben. Eine Umfrage der Hilfsorganisation Plan International ergab, dass sich keine Frau in ihrer Stadt vollkommen sicher fühlt. Auch wenn diese Zahlen nicht repräsentativ sind, zeigen sie trotzdem, wie omnipräsent das Problem ist. Wie unsicher wir Frauen uns durch unseren Alltag bewegen.

Tipps für mehr Sicherheit auf dem Heimweg

Lauft auf möglichst belebten und beleuchteten Straßen in der Mitte des Bürgersteigs.

Bindet einen Schrillalarm an eure Jacke oder Tasche, den ihr im Notfall auslösen könnt. Für das iPhone gibt es hierfür eine Einstellung – mehr Infos hier.

Telefoniert mit Freunden oder ruft Services wie das Heimwegtelefon an (Nummer unten).

Klingelt bei einem Wohnhaus, wenn ihr euch verfolgt fühlt.

Macht eine klare Ansage, wenn euch jemand zu nahe kommt – „Sofort aufhören!“ – oder ruft laut um Hilfe.

Macht einen Selbstverteidigungskurs und wiederholt die Bewegungsprozesse auch im Anschluss regelmäßig, um sie nicht zu vergessen.

Heimwegtelefon:

Unter der Nummer 030 12074182 könnt ihr mit Ehrenamtlichen telefonieren, die euren Standort tracken und mit euch sprechen, bis ihr sicher zu Hause angekommen seid.

mehr dazu

Erreichbar:

– So-Do: 18:00-24:00 Uhr
– Fr-Sa: 18:00-03:00 Uhr

Eine Mahnwache für mehr Sicherheit

Doch nicht nur im Netz reagierten die Menschen auf Sarahs Verschwinden mit Mitgefühl. In London versammelten sich Hunderte Menschen, um eine Wahnwache abzuhalten. Auch Herzogin Kate legte Blumen an dem improvisierten Gedenkort für Sarah nieder. Doch bereits wenige Stunden später wurde die Mahnwache von der örtlichen Polizei aufgelöst. Sie sei nicht genehmigt und man hätte Angst vor einer Massenansteckung. Bittere Ironie – denn die Frauen, die sich hier versammelten, um gegen die Gewalt an Frauen zu protestieren, wurden nun gewaltsam in Handschellen gelegt und abgeführt. Und das ausgerechnet am britischen Muttertag und der Woche des Internationalen Frauentags.

Was ihr tun könnt

Diese Szenen im Hinterkopf drängt sich die Frage auf: Was wird getan, damit sich Frauen auf dem nächtlichen Heimweg sicherer fühlen können? Conny Vogt ist Vorsitzende und Telefonistin des gemeinnützigen Vereins Heimwegtelefon. Wer sich auf dem Heimweg unwohl fühlt, kann hier unter einer Hotline anrufen und mit einem der rund 100 ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen telefonieren, bis sie oder er sicher zu Hause angekommen ist.

Conny kennt die Situationen, in denen sich die Anrufenden befinden, kennt ihre Ängste und weiß Rat, wie man sich in brenzligen Situationen auf dem Heimweg verhalten sollte: Eine aufrechte Haltung einnehmen, in der Mitte des Bürgersteigs gehen, und wenn man sich bedroht fühlt, eine klare Ansage machen – „Sofort aufhören!“ – und dabei den Mut haben, laut zu sein und im Zweifel sofort um Hilfe zu rufen. Auch ein Selbstverteidigungskurs kann ratsam sein, erzählt Conny im Interview mit dem SPIEGEL. Dabei ist es besonders wichtig, die erlernten Bewegungsabläufe anschließend regelmäßig zu wiederholen, um im Fall der Fälle zu wissen, was zu tun ist und nicht alles Erlernte wieder zu vergessen.

Übrigens erzählt Conny, dass bei ihr immer wieder auch Männer anrufen, die sich auf dem Heimweg unsicher fühlen und sich mit jemandem unterhalten wollen, der parallel ihren Standort trackt. Die häufigste Angst bei diesen immerhin 30 Prozent der Anrufer: Ein Überfall oder ausgeraubt zu werden.

TIPPS, WIE IHR ANDEREN DIE ANGST NEHMEN KÖNNT Keine Angst

1. Abstand halten.

2. Nicht von hinten auf jemanden zulaufen.

3. Weibliche Freundinnen nach Hause begleiten.

4. Berührungen in Menschenmengen vermeiden.

5. Im Notfall einer Person in einer brenzligen Situation beistehen und Hilfe rufen.

6. Keine ungefragten Komplimente hinterherrufen.

7. Kein Anstarren.

8. Dunkle Kapuzen vermeiden, die das Gesicht verdecken.

9. Eventuell die Straßenseite wechseln, um der anderen Person mehr Platz zu lassen, v.a. wenn ihr in dieselbe Richtung lauft.

10. Macht natürliche Geräusche, um zu zeigen, dass ihr euch nicht anschleicht, bspw. telefonieren, eine Sprachnachricht aufnehmen etc.

Das Fazit: Es muss sich etwas ändern

Wenn es eines gibt, was wir aus dem Fall Sarah Everard lernen sollten, ist es, dass es jedem Menschen möglich sein sollte, im Dunkeln ohne Angst nach Hause zu laufen. Sicher vor anzüglichen Sprüchen, Belästigung, Diffamierung und Gewalt. Egal ob Frau oder Mann. Doch vor allem müssen wir aufhören, den Frauen die Schuld zu geben, die nachts einfach nur nach Hause laufen wollen. Um es mit Lucy Mountains Worten zu sagen: „Einer Frau hätte es möglich sein sollen, nach Hause zu gehen“ – ohne dass wir am nächsten Tag in den Schlagzeilen lesen müssen, dass sie vermisst wird.

Kommt sicher nach Hause!